r/buecher • u/Jujowes • 15h ago
Diskussion Literarisch großartig, politisch fragwürdig wie geht ihr mit umstrittenen Autoren um?
Ich habe gestern angefangen, Gerd Gaisers „Die sterbende Jagd“ zu lesen, und bin bisher wirklich begeistert. Gerade seine Sprache und die eindringliche Darstellung des Krieges haben mich sehr positiv überrascht. Für mich ist das typsche Herbst Literatur
Der Roman begleitet deutsche Jagdflieger während des Zweiten Weltkriegs, deren Kampf angesichts der alliierten Übermacht zunehmend aussichtslos wird. Gaiser beschreibt junge Männer zwischen Kameradschaft, Pflichtbewusstsein, Todesangst und der Erkenntnis, dass ihr Einsatz letztlich nichts mehr am Ausgang des Krieges ändern kann. Gerade dieses Spannungsverhältnis zwischen soldatischem Ethos und der Sinnlosigkeit des Krieges ist erschütternd. Ernst Jünger hat mit Stahlgewittern ebenfalls einen Antikriegs Roman geschrieben.
Lässt an Ernst Jüngers „In Stahlgewittern“, Célines „Reise ans Ende der Nacht“ und Remarques „Im Westen nichts Neues“ denken. Alles Werke, die den Krieg aus völlig unterschiedlichen Perspektiven beschreiben und die ich literarisch ausgesprochen interessant finde. Alle drei Bücher finde ich großartig. Von Celine wird im März noch ein "London" aus seinem Pariser Nachlass veröffentlicht. Ich mag post mortem Veröffentlichungen.
Gaiser ist dabei eine besonders streitbare Figur. Er war NSDAP-Mitglied, veröffentlichte während der NS Zeit ideologisch geprägte Texte und gehörte in den 1950er-Jahren zu den erfolgreichsten deutschen Schriftstellern. Ganz ähnlich wie Celine auch.
Im Juni gab es einen Welt Artikel über Gaiser und seinen Wegvom gefeierten Schriftsteller zu einem heute fast vergessenen Autor wurde. Krause vertritt die These, dass dabei nicht nur seine Bücher und seine NS-Vergangenheit eine Rolle spielten, sondern auch die politischen Grabenkämpfe im damaligen Literaturbetrieb. Ich habe den Autor auch nur über viele Ecken wahrgenommen.
Ähnlich wie bei Céline oder Jünger stellt sich für mich die Frage, wie ich heute mit Autoren umgehe, deren politische Überzeugungen oder Biografien problematisch sind, deren Werke aber gleichzeitig eine bemerkenswerte literarische Qualität besitzen und für mich absolut lesenwert sind. Gerade ihre Werke können doch interessante Einblicke in Geschichte, Ideologien und gesellschaftliche Widersprüche ermöglichen. Es gibt für mich wenig Bücher die ich aus politischen Gründen nicht lesen würde( mit wenigen Ausnahmen wie The Turner Diaries etc )
Hier noch der erwähnte WELT-Artikel leider Paywalled .